Eine sozial- und gesundheitspolitische Maßnahme
Kind oder Karriere? Diese Frage müssen sich in Deutschland bis dato viele Ärzte – und vor allem Ärztinnen stellen. Schuld daran sind nicht zuletzt die ungünstigen Arbeitsbedingungen in den Krankenhäusern: Lange Arbeitszeiten, mangelnde Flexibilität in der Arbeitszeitgestaltung sowie fehlende Kinderbetreuungsmöglichkeiten machen die Vereinbarkeit von Familie und Beruf in den meisten deutschen Kliniken fast unmöglich.
Die bisherige Arbeitswelt der meisten Krankenhausmediziner ist daher von Familienfreundlichkeit weit entfernt. Viele hoch qualifizierte junge Ärztinnen und Ärzte verzichten deshalb auf Kinder, eine Flucht in alternative Berufsfelder oder ins Ausland ist nicht selten.
Der Marburger Bund versteht die Verbesserung dieser Situation als eine wesentliche Zukunftsaufgabe. Mit der Kampagne „Für ein familienfreundliches Krankenhaus“ soll die Attraktivität des Arztberufes erhöht und an internationale Standards angeglichen werden, um eine qualitativ hochwertige medizinische Versorgung nachhaltig zu sichern.
Eine wirtschaftliche Maßnahme
Krankenhäuser haben sich in den letzten Jahren zu Unternehmen mit Millionenumsätzen entwickelt. Betriebswirtschaftliches Denken und die Anwendung moderner Managementmethoden sind für den wirtschaftlichen Erfolg einer Klinikeinrichtung entscheidend. Aber auch weiche Faktoren, die eine positive Arbeits- und Unternehmenskultur prägen, sind heutzutage für die langfristige Existenz eines Unternehmens ausschlaggebend. Deutsche Kliniken haben hier großen Nachholbedarf. Basierend auf ihrer historischen Entwicklung sind Krankenhäuser in besonderem Maße hierarchisch strukturierte Organisationen mit einer physisch und psychisch stark belastenden Arbeitskultur – gekennzeichnet vom Anspruch an eine fast permanente berufliche Verfügbarkeit der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter.
Die Vereinbarkeit von Familie und Beruf bleibt bei solchen Arbeitsstrukturen zwangsläufig auf der Strecke. Viele Klinikbetreiber haben es in der Vergangenheit versäumt, ihre Arbeitsstrukturen den gesellschaftlichen Anforderungen anzupassen.
Krankenhäuser werden zukünftig auf einem hart umkämpften Markt bestehen und sich gegenüber anderen Einrichtungen Wettbewerbs- und Standortvorteile sichern müssen. Hochqualifizierte Ärztinnen und Ärzte spielen hierbei eine entscheidende Rolle. Deshalb ist es für Klinken wichtig, durch bessere Arbeitsbedingungen ein Umfeld zu schaffen, das gut ausgebildeten Fachkräften Anreize schafft, sich für diese Arbeitsstelle zu entscheiden.
Für 90 Prozent aller männlichen und 94 Prozent aller weiblichen Arbeitnehmer ist Familienfreundlichkeit für ein positives Betriebsklima ausschlaggebend. Dies macht deutlich, dass eine gute Vereinbarkeit von Familie und Beruf nicht nur für Frauen maßgeblich ist, sondern generell einen wichtigen Faktor im Wettbewerb um die besten Arbeitskräfte darstellt. Ob ein Krankenhaus im Konkurrenzkampf um qualifizierte Mediziner langfristig bestehen kann, wird folglich unter anderem durch den „weichen Faktor familienfreundliche Arbeitsstruktur“ beeinflusst.
Es liegt auf der Hand, dass für ein Zusammenspiel von Familie und Beruf in deutschen Krankenhäusern nicht nur soziale, sondern auch fundierte wirtschaftliche Gründe sprechen. Eine familienfreundliche Unternehmenspolitik wird somit zu einem notwendigen und harten Standortfaktor für Klinikeinrichtungen werden und zukunftsorientierte Arbeitgeber sind daher gut beraten, ihr Unternehmen an entsprechende Standards anzupassen. Arbeit, Freizeit und Familie dürfen von Krankenhausbetreibern nicht mehr als Parallelwelten betrachtet werden.
Ein Gewinn für Arbeitgeber, Mitarbeiter und Patienten
Deutschland droht in den nächsten Jahren ein erheblicher Fachkräftemangel. In deutschen Krankenhäusern ist dies bereits jetzt deutlich spürbar. Immer mehr Kliniken haben Probleme, genügend medizinisches Fachpersonal zu finden. Die Vereinbarkeit von Beruf und Familie zu verbessern, stellt daher ein wesentliches Handlungsfeld dar, mit dem Krankenhäuser auf den gesellschaftlichen Wandel reagieren können. Dem Ärztemangel und Individualisierungstendenzen und vor allem dem steigenden Anteil qualifizierter erwerbstätiger Frauen muss mit modernen Arbeitsstrukturen Rechnung getragen werden. Hierbei gilt es, motivierte Ärzte für sich zu gewinnen und langfristig an sich zu binden.
Ein familienfreundliches Krankenhaus bietet Standortvorteile,
weil familienfreundliche Unternehmen als attraktive und verantwortungsvolle Arbeitgeber wahrgenommen werden;
weil familienfreundliche Arbeitsstrukturen dem steigenden Anteil erwerbstätiger Frauen gerecht werden;
weil medizinischer Fortschritt auch auf den Impulsen sowie der qualifizierten Aus- und Weiterbildung der Nachwuchskräfte basiert;
weil die demografische Entwicklung eine ausreichende Anzahl an Ärzten erforderlich macht;
weil die große Mehrzahl der Erwerbstätigen einen qualifizierten Beruf und ein glückliches Familienleben verbinden will;
weil das deutsche Gesundheitssystem auf das Wissen von in Deutschland lebenden Ärztinnen und Ärzten als wichtigste Ressource angewiesen ist;
weil durch Familienfreundlichkeit hoch qualifizierte Mediziner gewonnen und in der Klinik gehalten werden können.
Die Entwicklung des Bereiches Human Ressources ist ein wesentlicher Faktor, wenn es darum geht, die Wirtschaftlichkeit eines Krankenhauses zu verbessern. Eine familienfreundliche Personalpolitik bildet deshalb eine wesentliche Voraussetzung, um das Ausscheiden gerade von jüngeren Mitarbeitern zu verhindern, betriebsspezifisches Know-how zu erhalten und einen Teil des zunehmenden Aufwands für die Personalrekrutierung zu vermeiden.
Ein familienfreundliches Krankenhaus bietet die Chance, Personal wirtschaftlicher zu führen,
weil Wiederbeschaffungs- und Fluktuationskosten vermieden werden;
weil Kosten für die Überbrückung der Phase, in der sich Ärztinnen und Ärzte in Elternzeit befinden, reduziert werden können.
weil Fehlzeiten aufgrund der zusätzlichen Belastung durch Familienaufgaben neben der Erwerbstätigkeit vermieden werden können;
weil betriebsspezifisches Know-how durch weniger Fluktuation länger erhalten bleibt;
weil zufriedene Eltern motivierter, produktiver und konzentrierter arbeiten.
Für ein Familienfreundliches Krankenhaus – Die Marburger Bund-Kampagne
Unser Ziel ist es, möglichst viele Partner und Unterstützer für dieses Projekt zu gewinnen.
Wir verstehen uns dabei als Impulsgeber, als Informationsvermittler und politischer Verstärker. Wir wollen mit der Kampagne vielfältige Hilfestellungen geben, familienfreundlichere Strukturen im Krankenhaus zu implementieren.
Zentrales Element ist das Netzwerk der Krankenhäuser, die sich an der Kampagne beteiligen. Sie werden durch Informationen, Veranstaltungen und spezielle Workshops fit gemacht für die Einführung familienfreundlicher Strukturen.
Dazu wird ein krankenhausspezifischer Methoden- und Maßnahmenkatalog entwickelt, der schwerpunktmäßig die nachfolgenden Handlungsfelder beinhaltet:
Arbeitszeit und Arbeitsorganisation
Kinderbetreuung
Personalentwicklung
Familienservice
Kommunikation und Vernetzung
Zahlreiche Krankenhäuser haben sich inzwischen von dieser Idee überzeugen lassen und ihre Bereitschaft zur Teilnahme an der Kampagne erklärt.
Das ist ein guter Anfang – aber weitere Kliniken müssen folgen.
Machen Sie mit!