Ehrenvorsitzender des Marburger Bundes

Foto: Ehrenvorsitzender Dr. Frank Ulrich MontgomeryDr. Frank Ulrich Montgomery
Ehrenvorsitzender des Marburger Bundes

ich freue mich sehr, dass Sie zur Auftaktveranstaltung des Marburger Bundes „Für ein familienfreundliches Krankenhaus“ nach Berlin gekommen sind.

Schon seit geraumer Zeit gibt es von Seiten der Politik aber auch von Gewerkschafts- und Verbandsseite erhebliche Anstrengungen, um eine bessere Vereinbarkeit von Familie und Beruf zu erreichen. Gerade aber im Krankenhaussektor gibt es erheblichen Nachholbedarf. Noch immer zeichnet sich der Arbeitsalltag vieler Ärztinnen und Ärzte durch überlange Arbeitszeiten, zu geringes Gehalt, millionenfach unbezahlte Überstunden, übermäßige Bürokratie und eben durch eine unzureichende familienfreundliche Personalpolitik aus. Die Folgen sind unverkennbar: Immer mehr deutsche Ärzte kehren der kurativen Medizin in deutschen Kliniken den Rücken und arbeiten unter besseren Arbeitsbedingungen und geregelten Arbeitszeiten in medizinnahen Unternehmen oder als Klinikärzte im Ausland.

Eine Befragung unter jungen Hessischen Ärztinnen und Ärzten, die nicht mehr in der Patientenversorgung tätig sind, hat ergeben, dass neben schlechter Bezahlung und mangelnder Karrieremöglichkeit eben die unzureichende Vereinbarkeit von ärztlicher Tätigkeit und Familie ausschlaggebender Grund für das Ausscheiden aus den Krankenhäusern ist. Zudem gaben die Befragten an, dass Hindernisgründe für eine Rückkehr in die kurative Medizin neben zu hoher Arbeitsbelastung eben die fehlende familienfreundliche Personalpolitik der Kliniken ist.

Folge ist, den Krankenhäusern in Deutschland geht das qualifizierte Fachpersonal aus. Die stationäre Versorgung der Patientinnen und Patienten wird durch die anhaltende Ärzteflucht gefährdet. Im Vergleich zum Jahr 2005 stieg 2006 die Zahl der offenen Stellen im ärztlichen Dienst um ganze 6-Prozentpunkte. Mittlerweile können 24 Prozent der Kliniken im Westen der Republik und sogar 55 Prozent der ostdeutschen Krankenhäuser offene Arztstellen nicht besetzen.

Aus dieser negativen Entwicklung, die wir schon seit etlichen Jahren beobachten, resultiert für den Marburger Bund als Ärztegewerkschaft ein klarer und eindeutiger Handlungsauftrag: Die Arbeitsbedingungen in deutschen Kliniken müssen für die Ärztinnen und Ärzte entscheidend verbessert werden. Wie viel Frust in den Krankenhäusern herrschte, wurde mit den intensiven Ärzte-Streiks des vergangenen Jahres deutlich. Der Marburger Bund hat mit seinen ersten arztspezifischen Tarifverträgen im öffentlichen Dienst – und mittlerweile auch im privaten Klinikbereich – die Grundlagen für mehr Attraktivität des Arztberufes geschaffen.

Diese sehr wichtigen tarifpolitischen Weichenstellungen werden nun schrittweise ihre Auswirkungen im stationären Sektor entfalten. Es bleibt aber unerlässlich, zeitgleich alle weiteren Möglichkeiten auszuschöpfen, um den Arbeitsplatz Krankenhaus wieder zu einem Wunscharbeitsplatz mit Zukunftsperspektive zu machen. Deshalb legt der Marburger Bund einen weiteren Arbeitsschwerpunkt auf die bessere Vereinbarkeit von Familie und Beruf.

Vor noch nicht allzu langer Zeit wurde dieses Themengebiet selbst in höchsten Kreisen der Politik als „Gedöns“ verhöhnt. Wir sind sehr froh darüber, dass sich diese Zeiten geändert haben. Wir sind sehr froh darüber, dass die Bundesministerin für Familie, Senioren, Frauen und Jugend, Frau Dr. von der Leyen, höchstpersönlich die Schirmherrschaft über unsere Kampagne „Für ein familienfreundliches Krankenhaus“ übernommen hat.

Gemeinsam mit der Bundesfamilienministerin will der Marburger Bund dieses Thema an oberste Stelle der Agenda setzen. Das ist dringend notwendig, denn mit Familienfreundlichkeit liegt es in unseren Krankenhäusern leider sehr im Argen. Weiche Faktoren, die eine positive Arbeits- und Unternehmenskultur prägen, sind heutzutage für die langfristige Existenz eines Unternehmens ausschlaggebend. Wie sieht es aber in den Krankenhäusern diesbezüglich aus? Basierend auf ihrer historischen Entwicklung sind Kliniken in besonderem Maße hierarchisch strukturierte Organisationen mit einer physisch und psychisch stark belastenden Arbeitskultur – gekennzeichnet vom Anspruch an eine fast permanente berufliche Verfügbarkeit der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter.

Die Vereinbarkeit von Familie und Beruf bleibt bei solchen Arbeitsstrukturen zwangsläufig auf der Strecke. Die meisten Klinikbetreiber haben es in der Vergangenheit versäumt, ihre Arbeitsstrukturen den gesellschaftlichen Anforderungen anzupassen. Aufgrund der sehr hohen Anzahl qualifizierter Ärztinnen und Ärzte hielten sie die Verbesserung tradierter Arbeitsformen lange Zeit für nicht notwendig.

Das sieht heutzutage anders aus. Krankenhäuser müssen auf einem hart umkämpften Markt bestehen und sich gegenüber anderen Einrichtungen Wettbewerbs- und Standortvorteile sichern. Die Arbeitskraft der Mediziner spielt hierbei angesichts des Ärztemangels eine herausragende Rolle. Deshalb ist es wichtig, durch bessere Arbeitsbedingungen ein Umfeld zu schaffen, das gut ausgebildeten Fachkräften Anreize schafft, sich für diese Arbeitsstelle zu entscheiden.

Ich fasse die wichtigsten Gründe für mehr Familienfreundlichkeit zusammen:

Ein familienfreundliches Krankenhaus bietet Standortvorteile,

  • weil es als attraktiver und verantwortungsvoller Arbeitgeber wahrgenommen wird;

  • weil familienfreundliche Arbeitsstrukturen dem steigenden Anteil erwerbstätiger Frauen gerecht werden;

  • weil medizinischer Fortschritt auch auf den Impulsen sowie der qualifizierten Aus- und Weiterbildung der Nachwuchskräfte basiert;

  • weil die demografische Entwicklung eine ausreichende Anzahl an Ärzten erforderlich macht;

  • weil die große Mehrzahl der Erwerbstätigen einen qualifizierten Beruf und ein glückliches Familienleben verbinden will;

  • weil die deutsche Gesundheitsversorgung auf das Wissen von in Deutschland lebenden Ärztinnen und Ärzten als wichtigste Ressource angewiesen ist;

  • weil durch Familienfreundlichkeit hoch qualifizierte Mediziner gewonnen und in der Klinik gehalten werden können.

Etliche Studien belegen, dass mit familienfreundlichen Arbeitsstrukturen die Motivation und Zufriedenheit der Beschäftigten sowie die Wirtschaftlichkeit gesteigert werden können. Dies wirkt sich letztlich auch auf die Qualität der Patientenversorgung positiv aus. Ein familienfreundliches Krankenhaus ist ein Gewinn für alle – sowohl für den Arbeitgeber als auch für das Klinikpersonal und die Patienten.

Wir wollen mit unserer Kampagne den Startschuss für eine bessere Vereinbarkeit von Familie und Beruf in den Krankenhäusern geben. Heute soll von diesem Kampagnenauftakt ein deutliches Signal ausgehen: Arbeitgeber müssen familienfreundliche Arbeitsbedingungen nicht als Belastung, sondern als Chance begreifen, qualifizierte Leistungsträger für eine dauerhafte Mitarbeit in ihrem Krankenhaus zu überzeugen. Die Tatsache, dass bereits rund 100 Kliniken ihre Bereitschaft signalisiert haben, sich an der Marburger Bund-Kampagne zu beteiligen, stimmt hoffnungsfroh. Lassen Sie uns deshalb alle gemeinsam daran arbeiten, dass es in Krankenhäusern zukünftig nicht mehr heißt: Kind oder Karriere, sondern Kind und Karriere.

 Auftaktveranstaltung
 Standpunkte

© 2009 Marburger Bund